Bayreuther Festgespielte

Endlich wieder da.
Endlich wieder Basketball.

Als am Sonntag die ersten Kilometer mit dem Fanbus hinter mir liegen, will sich das Ganze noch überhaupt nicht nach Ligabetrieb anfühlen.
Innerlich noch im Pre-Season Modus gefangen, gewöhne ich mich erst ganz langsam an den Gedanken, dass es heute zum ersten Mal in der Saison 2016/17 ernst wird.

Ein komisches Gefühl begleitet mich auf der rund dreieinhalb stündigen Fahrt nach Bayreuth.
Zum einen freue ich mich tierisch auf den Auftritt unserer Jungs, auch wenn ich mir die Premiere daheim noch deutlich mehr herbei sehne.
Der Versuch die Brust voller Stolz und Zuversicht auf das unbändige Potenzial unseres Teams anschwellen zu lassen misslingt jedoch.
Nein, ich zweifle nicht an der Qualität unserer Mannschaft.
Vielmehr lässt mich die Mixtur aus den Ergebnissen der Vorbereitungsspielen und des doch sehr knapp gestalteten Vorbereitungszeitrahmens den Reifegrad des Spielgefüges hinterfragen.
Ja, auch ich musste mir ernsthaft und voller Absicht auf die Zunge beißen, um den beinahe schon unheilvoll zu bezeichnenden Titel „Bestes Ulmer Team aller Zeiten“ nicht wieder voreilig über meine Lippen gleiten zu lassen.
Auch wenn es de facto verdammt noch einmal zutrifft!
Ich denke ich bin nicht der einzige, der in der Offseason mit einem fetten Grinsen bekleidet die Weiter- und Neuverpflichtungen beobachtete.
Dazu gesellt sich das Totschlagargument, welches nur zu gerne und bereitwillig von der breiten Basketballgemeinde ausgerufen und beinahe als „Lebensversicherung“ für das erfolgreiche Auftreten unserer Mannschaft herangezogen wird.

„WIR SIND BEREITS EINGESPIELT!“

Die Ansprüche der Fans fallen dementsprechend aus.
Auch ich gestehe es – Ich lechze nach etwas greifbarem.
Etwas, dass der Entwicklung dieses Vereins und dessen Leistungsträgern – allen voran Per Günther – gerecht wird. Ein Titel!
Der Zugewinn neuer Großsponsoren, die Heimkehr von Tim Ohlbrecht, sowie die Verpflichtung des krass sympathischen Karsten Tadda gestalten es zunehmend schwerer, sich an gemäßigteren Zielen zu orientieren.

Aber sind wir tatsächlich eingespielt?
Sind die Systeme bereits verinnerlicht und „Schnee von gestern“?
Ich behaupte sie können und DÜRFEN es nicht und mache dies an der Personalie Hobbs fest.
Mit Braydon sind wir erstmals in der Lage, eine ernsthafte und ebenbürtige Entlastung im Spielaufbau und somit für Per Günther zu schaffen.
Es ist eine Freude diesem Kerl beim Verteilen der Bälle zuzusehen.
Wuchtig, mitunter beinahe gewalttätig, aber immer höchst präzise feuert er seine Pässe über das Spielfeld und benötigt dabei anscheinend selbst nur den Augenwinkel um sein Ziel anzuvisieren.
Hier tun sich ich ganz neue Optionen im System auf, die es neu zu „erfühlen“ gilt.
Die Zeit als im Spielaufbau wilder Westen herrschte wenn Veteran Per das Spielfeld verließ, sollte abgelaufen sein.
Ein Braydon Hobbs kann dem schnellen Ulmer Basketball viele neue Möglichkeiten eröffnen, die es zu diesem Zeitpunkt gilt in das bestehende System zu integrieren. (Alle Fachmänner da draußen mögen mir diese Behauptung verzeihen, reißt mich dafür auf Lees Corner in Stücke – es ist nur mein Eindruck.)

Zwischen all diesen Gedanken hat der Bus die Kilometer nach Bayreuth herunter gerissen.
Ich betrete die Turnhalle und genieße das kalte Licht, die trockene Luft und das gequälte Quieken der Turnschuhe der sich aufwärmenden Spieler.
Viel Neues gilt es zu bewundern.
Das Auswärtstrikot, vibrierende Massagerollen und den Kleiderschrankrücken von Sutton.
Butler betritt das Parkett breit grinsend. Der „Lausbub von Ulm“ widmet sich – genau wie unser neuer Co-Trainer Pete – zunächst den mitgereisten Fans die er mit Handschlag begrüßt.
Nur noch wenige Minuten zum Jump und wir nehmen unsere Plätze im Stehblock ein.

Es folgt der erste Akt.
„Scheinbar ein wenig zu viel Sand aus Gran Canaria mitgenommen“ denke ich.
Dieser verteilt sich nicht nur im Ulmer Spielgetriebe sondern scheint auch noch die Augen zu verkleben.
Zuordnungen in der Defense sind nicht eindeutig und geprägt von Missverständnissen.
Der Bayreuther Offense eröffnen sich hierdurch immer wieder offene Spots an der Dreierlinie die gnadenlos und hochprozentig ausgenutzt werden.

Im Gegenzug findet Ulm in der Offensive zu selten die passende Antwort.
Die Jungs wirken nervös, beinahe irritiert vom frechen Auftreten der Bayreuther, deren Hallensprecher nicht müde wird zu wiederholen, wer in der eindeutigen Favoritenrolle steckt.
Der aus dem ersten Viertel resultierende Rückstand wird zur Hürde des restlichen Spiels.

Ulm nimmt diese jedoch auf sich, kommt deutlich fokussierter aus der Halbzeitpause und legt vor allem Defensiv eine ordentliche Schippe drauf.
Es sind jedoch die Punkte von Chris Babb, sowie die Energie des Rookies Sutton die Ulm zurück auf die Erfolgsspur bringen.
Nach dem gefeierten Führungswechsel können unsere Jungs den Vorsprung etwas ausbauen, aber zur Verzweiflung der mitgereisten Fans nicht auf Dauer halten.
Beide Mannschaften liefern sich einen offenen Schlagabtausch der in einer Overtime endet, da der letzte und möglicherweise Spielentscheidende Angriff der Bayreuther – in Form einer Einzelaktion vom stark aufspielenden Lewis – an einer Wand aus 4 Ulmern zerschellt.
Bayreuth fordert selbstverständlich den Pfiff, welcher jedoch ausbleibt.

Das bereits ohnehin aufgeheizte Publikum fühlt sich um den Sieg betrogen und muss in den nun folgenden Minuten der Overtime dabei zusehen wie Per Günther nun das Spiel immer mehr an sich zieht. Der Kapitän zeigt seine Führungsqualität und sorgt für das Momentum auf Ulmer Seite.
Trotz 3 ausgefoulten Spielern auf unserer Seite gelingt es den Ulmer die Overtime zu dominieren und somit den Sieg einzufahren.
Noch mal gut gegangen!
Ein wichtiger Sieg in Hinblick auf die Heimpremiere gegen Oldenburg.

Das Ausrufezeichen des Tages – Sutton.
Der Rookie spielt beherzt und respektlos auf und lebt den „Beast Mode“.
Noch halte ich mich Rufen der Bewunderung zurück.
Aber die Zunge schnalzt hier und da schon mal genüsslich.

Das Fragezeichen des Tages – Ohlbrecht.
Er kam in der ersten Halbzeit kaum zum Einsatz und hinterließ auch in der zweiten Hälfte einen, sagen wir einmal nicht ganz runden Eindruck.
Eine kleine Blessur? Schonung?
Wir werden es am Samstag erfahren.

Jetzt freue ich mich jedoch auf den aus meiner Sicht einzig wahren Start in die Saison.
Zu Hause!
In unserem Wohnzimmer!

Auf in die neue Saison…

Euer Sniper 😉

 

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