Seelenstriptease – Oder auch „Phantomschmerzen“

Irgendwo in der Ulmer Innenstadt, in einer Psychologischen Praxis.

„Guten Tag. Nehmen Sie doch bitte, wie gewohnt, Platz auf der Recamiere. Entspannen Sie sich, bitte. Was führt Sie heute zu mir? Entspricht meine Vermutung, dass Sie einen weiteren Rückfall erleiden mußten der Wahrheit?“
Der etwas unruhig wirkende Patient lässt seinen Körper auf das französiche Designerstück nieder, um selbigen in einer kraftlos anmutenden Bewegung auszubreiten.
„Ich gebe es nur ungern zu, Herr Doktor, aber Sie haben Recht. Bitte sehen Sie es mir nach, dass sich meine Verwunderung über Ihre scheinbar hellseherischen Fähigkeiten in Grenzen hält. Aber meine zahlreichen Besuche in Ihrer Praxis waren bisher immer in der selben Problematik begründet.“
Der Psychologe lächelt. Er rückt seine schwarze Versace Brille zurecht und greift nach der Südwestpresse, welche auf dem Schreibtisch neben der Patientenakte liegt. Die Hände des Mediziners durchforsten die Zeitung nach dem Sportteil, welchen er nach erfolgreicher Suche beinahe triumphierend in die Luft hält.
„Entschuldigen Sie bitte. Ihr Erscheinen war für mich sozusagen eine logische Konsequenz, nachdem ich die Ergebnisse und Analysen des Regionalsports vom Wochenende überflogen hatte.“
Der Patient richtet sich etwas auf, um dem Seelenklempner besser in die Augen sehen zu können.
Durch das Glas der geschmacklosen Sehhilfe blickt er in ein Paar von Mitleid und Ratlosigkeit geprägte Augen.
„Doc! Wird das jemals aufhören? Wann endet um Gottes Willen dieser Streifzug durch das Tal der Orientierungslosigkeit? Ich war doch bereits auf dem Weg der Heilung!“
Der Arzt legt dem Patienten eine Hand auf die Schulter um ihn sanft aber bestimmend zurück in die Entspannungslage zu manövrieren.
„Ich stimme Ihnen voll und ganz zu. Ich war ja selbst etwas überrascht, welche Fortschritte wir mit dem Rehabilitationswochenende TOP4 bei Ihnen gemacht haben. Selbst der Besuch der Münchner Moneyballers am darauf folgenden Wochenende war nicht der Rückschlag, den ich insgeheim befürchtet hatte. Man kann sogar sagen, dass Uli’s Rote einen guten Teil dazu beitrugen, Ihren Gesamteindruck um das Leistungspotential ihrer Sorgenkinder in geordnete Bahnen zu bringen. Die von Ihnen so gefürchteten Einbrüche in der Konstanz schienen endlich wie Geister aus vergangenen Tagen zu verblassen.“
Der Patient grinst und stößt ein selbstverachtendes Lachen aus.
„Ha! Und dann kam Braunschweig! Verstehen Sie? BRAUNSCHWEIG! Für einen Moment und mit den positiven Eindrücken der noch frischen Vergangenheit, nahm ich eine gefährliche Haltung zwischen Überlegen- und Siegessicherheit ein. Ich arroganter, verwöhnter Fan! Meine an mich selbst gerichtete Beleidigung ist keinesweg sarkastisch ausgestoßen. Zu Recht verurteile ich mich selbst in Anbetracht der Tatsache, dass mir ein gewonnenes Spiel Grund zur Klage gibt! Aber was sollte ich denn gegen diese Haltung tun? Zu oft war ich Zeuge von phänomenalen Leistungen im Einzelnen aber auch gesamtheitlich. National sowie International. Daheim und Auswärts. Da gerät die nach Kuhberg duftende Vergangenheit ganz schnell in Vergessenheit. Eine Vergangenheit auf die man stolz zurück blicken kann und stets in seinem Herzen trägt! Aber die Entwicklung ging weiter und der Erfolg hielt Schritt. Ist es da vermessen, wenn man diesen erfreulichen Prozess gerne auch zukünftig bestätigt sehen möchte? Ich begehre einen Titel, fordere ihn jedoch nicht als Selbstverständlichkeit! Ich möchte nur Eines – Gewissheit über das, was möglich ist und auf was man aufbauen kann. Was meinen sie Doc, gibt es Hoffnung?“
Der Psychologe zückt seinen Rezeptblock. Er kritzelt etwas in typischer Manier auf den gelben Schein und reicht ihn dem Patienten. In großen, unleserlichen Buchstaben stehen die Worte

5 GAMES TO GO! SIND SIE BEREIT, DIE THERAPIE FORTZUSETZEN?

Der Patient erhebt und schüttelt sich kurz, um sozusagen den letzten Funken Zweifel abzuwerfen. Er blickt dem Arzt tief in die Augen und zischt zwischen seinen Zähnen hindurch
„Gehen wir es an, Doc! Und reservieren Sie mir bitte die Couch für die Playoffs.“

Ohne weiteren Gruss, verlässt der Patient das Zimmer. Der Arzt hört lediglich noch den Ruf seiner Sprechstundenhilfe.
„Ihre Versichertenkarte Herr Heckenberger, ich brauch noch Ihre Karte…“

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