TOP 4 in Ulm – Ein Rückblick

Der Schmerz, der uns am gestrigen Tag zugefügt wurde ist noch nicht ganz abgeklungen.
Zumindest die innere Leere, die mich nach dem Ende des Finales übermannte, hat mittlerweile das Duell gegen die vielen emotionalen und sportlichen Highlights verloren.
Der Frust über den knapp verpassten Titel findet Trost im Wissen, dass Ulm auf allen Ebenen einen sensationellen Auftritt hingelegt hat.

Ulm – Ich bin stolz auf dich!
Auf deine Mannschaft, auf deinen Support!
Auf die Menschen, die ihr Herz für 48 Stunden voll und ganz dem Basketball geschenkt haben und es nach den Erlebnissen wohl auch nicht wieder zurück fordern werden, insofern diese nicht bereits dem erlauchten Kreis der Basketballwahnsinnigen angehören.

Ich werfe einen Blick zurück auf DAS ULMER WOCHENDE!
Auf eine Achterbahnfahrt der Emotionen.

Samstag, 29.03.2014

Ein Blick auf den Wecker. Die neongrünen Ziffern leuchten mir eine, für das Wochenende unsägliche Zeitangabe entgegen.
6.45 Uhr – viel zu früh und scheinbar unendlich weit weg vom Halleneinlass.
Der Versuch, den Kopf nochmals im Kissen zu vergraben, um die Wartezeit durch die Wiederaufnahme des Schlafprozesses zu verkürzen, will nicht glücken.

Das Adrenalin übernimmt ab sofort die Kontrolle und zwingt mich aus den Federn.
Hellwach, übermotiviert und ruhelos präsentiere ich mich meiner Familie.
Die Sonne strahlt mir aus einem nahezu perfekten, blauen Kleid entgegen und sorgt für den Extrakick Freude auf die bevorstehenden 2 Tage in der Arena.
Kaiserwetter in Ulm!
Schlichtweg ein Tag für Heldentaten.

Gegen 13.30 Uhr kann ich nicht mehr und trete die Reise ins Mekka der Basketballer an.
Bis zur Hallenöffnung gilt es noch eine Stunde zu überbrücken – oder besser gesagt – zu überleben!
Gemeinsam mit unserem Anheizer platziere ich meinen ruhelosen Körper auf der Außenterrasse des Peach Pit – die Arena immer fest im Blick.
Erste Fangruppierungen sind auszumachen. Der Vorplatz der Arena wird in einen Mix aus rot, gelb und natürlich orange getaucht.
Bären, Löwen und Spatzen tummeln sich munter neben- und untereinander.
Ein übergroßer Basketball macht deutlich, dass es an diesem Wochenende um mehr geht als ein Punktspiel. IT´S TOP4 BABY!!!

Zu uns auf die Terrasse gesellen sich auch Anhänger der anderen Vereine.
Von einer Münchnerin lassen wir uns den Aufdruck des Bayern-Shirts erläutern und sehen ihr dabei – natürlich auf Grund der schlechten Lesbarkeit des Schriftzuges – etwas länger auf den Oberkörper.
„Bayern hustles harder“ lassen wir uns von ihr im Deckmantel unserer scheinbaren Unwissenheit übersetzen. „Maybe, Baby!“ denke ich mir „But not today!“

Die Stimmung vor der Halle entspricht dem Wetter – heiter und sonnig!
Sicher, hier und da fallen die üblichen Frotzeleien zwischen den Fans, aber im Großen und Ganzen möchten alle nur das Eine – Endlich rein!
Lasset die Spiele beginnen!

10007541_10203414042370879_2014552283_nAls das erste Halbfinale zwischen Berlin und Bamberg angepfiffen wird, bin ich dankbar über die sportliche Ablenkung, von der ich mir ein wenig Linderung meiner Nervosität erhoffe.
Der Ulmer Block verhält sich im ersten Viertel hinsichtlich der Unterstützung einer der beiden Teams  noch zurückhaltend.
Doch letzten Endes waren wohl die vielen bitteren Pillen, die uns Bamberg in den letzten Jahren schlucken ließ dafür verantwortlich, dass sich Ulm auf die Seite von Alba Berlin schlug.
Ein erstes, aber deutliches Zeichen hierfür war das Echo zwischen den Fanlagern der Haupt- und Münsterstädtern.
Ab sofort galt es für die Brose Baskets nicht nur gegen Berlin, sondern auch gegen den Großteil der ratiopharm Arena zu bestehen.

Alba übernahm auf dem Feld ab der 2. Halbzeit das Zepter und machte eindrucksvoll klar, wer an diesem Tag den größeren Hunger nach dem Titel hatte.
Etwas erschreckend war für mich, wie der sonst so konzentrierte und übersichtliche Spielaufbau der Bamberger an der Defense der Berliner zerschellte.
Jared Jorden, ein Meister seines Faches wirkte beinahe hilflos in seinem Tun.
So durften wir Zeuge eines überraschend deutlichen Sieges der Hauptstädter werden, dessen Wurzeln in einer geschlossenen Mannschaftsleistung mit jeder Menge Teamspirit gründeten.

Der Schlusspfiff des ersten Halbfinales war gleichzeitig auch das Startsignal der Ulmer Supportgemeinde, die letzten Vorbereitungen für ihre Choregraphie zu treffen.
Die ohnehin bereits nervöse Truppe versammelte sich in einem Nebengang der Halle, um die finale Einsatzbesprechung abzuhalten. Etwas richtig Großes sollte kurz vor Spielbeginn des 2. Halbfinales entstehen.
Eine Liebeserklärung an die Mannschaft und die Stadt, die seit Wochen diesem Tag entgegen fieberte. Jetzt musste unsere Aktion nur noch glücken – was sie auch tat!

Erste Schauer liefen mir über den Rücken, als die Ulmer Skyline durch die zarten Hände des Danceteams in die Arena getragen wurde.
Der Block sollte nur wenig später in den Stadtfarben schwarz-weiß erstrahlen und Albert Einstein rotzfrech seine Zunge Richtung München ausstrecken.
Auf Marc Herrmanns Einleitung hin, verwandelte sich die Kulisse in ein oranges Meer und Per Günther tat es seinem Vorgänger Albert in Punkto Zungenakrobatik gleich.
Ein unvergesslicher Moment! Ein emotionales Branding im Ulmer Fanherz!
Oder wie Jessica Abt – unsere orange Zauberfee – es trefflich formulierte: „IST DAS GEIL, ODER IST DAS GEIL?“ Jessica, wer sollte dir widersprechen?

Die Schonzeit war jetzt auch für die Ulm vorbei.
Es galt die favorisierten Bayern mit viel Herz und Leidenschaft in die Knie zu zwingen.
Ulm, ein Verein geboren im „Turnhallenmief“, spielt an diesem Abend nicht nur für die eigene Stadt und deren Fans.
Vielmehr für alle Vereine, deren Geburtsstätte eine ähnliche ist, jedoch Tradition, Herz und Leidenschaft schon immer mit im Turnbeutel getragen wurden.

Was aber nun folgen sollte, war mehr als nur eine Rebellion gegen einen übermächtigen Gegner und kann in Worten nicht im Geringsten wiedergespiegelt werden.
Zu oft musste ich mir die Kinnlade aus lauter Fassungslosigkeit wieder einrenken.
Von Anfang an spielte Ulm höchst konzentriert.
Die Offense agierte nicht nur gewohnt schnell, sondern lieferte ein erstaunlich selbstsicheres Setplay ab.
Schnelles und übersichtliches Passspiel forderte auf Münchner Seite seinen Tribut und erschloss die nötigen Freiräume in der Zone.
Der absolute Genickbruch für den FC Bayern war natürlich das wahnsinnige Dreierfestival der Ulmer.
Während das Selbstbewusstsein der Münchner mit jedem Ulmer Punkt abnahm, nahm die Anspannung ihres Coaches zu.
Herr Pesic malträtierte seinen Kaugummi wie eine Nähmaschine!
Und so wurde der „Todesstern“ des Südens permanent unter Beschuss genommen bis er letzten Endes unter dem Druck der Ulmer „Skywalkers“ unterging.
Unglaublich die Performance aller Spieler. In diesem Spiel sollte einfach alles gelingen.
Sinnbild hierfür der Dreier von Daniel Theis, der trotz Foul sein Ziel fand.
Der mächtige FC Bayern wurde, nicht nur zur Freude der Ulmer, vom Thron gestoßen und mit einer herben Klatsche in das Spiel um Platz 3 verbannt.

Auf den Rängen brachen nach dem Spielende alle Dämme!
Alles lag sich in den Armen und kann das gerade Geschehene kaum fassen. Finale!
Plötzlich rückte „96“ ganz nah.
Lasset die Party beginnen!

Und wie sagte es ein berühmter Dichter einmal so treffend – YOU CAN FIND ME IN THE CLUB!
Ob in der Ulmer Innenstadt oder im Wiley Club.

10155156_618272081579122_1854982448_nÜberall sollte die Heerschar Ulmer Fans dafür Sorge tragen, dass die Nacht zum Tag gemacht wird.
Es war das exzessiv ausgelebte Verschnaufen zwischen zwei großen Aufgaben.
Die erste wurde mit Bravur gemeistert, die zweite lag noch eine Nacht entfernt.
Und dementsprechend wurde auch gefeiert!
Wer braucht schon Schlaf? 

 

Sonntag, 30.03.2014

Wieder wache ich viel zu früh auf.
Eigentlich sollte mein Körper nach Schlaf schreien. Ich höre ihn aber nicht.
Eine Extraportion Creme in Gesicht und auf dem Badezimmerspiegel kaschiert die Spuren der Nacht.
Alles egal. Es ist Pokalfinale in Ulm und wir sind nicht nur dabei, sondern spielen um den Pott!
Immer wieder rede ich mir ein, dass dies unser Tag sein muss.
Die Wahrscheinlichkeitsrechnung spricht für Ulm. Wir sind reif und bereit für den Pokal.
Für ein Stück Geschichte, dass das Team endlich für die Anstrengungen der letzten Jahre belohnt.

Ich bin heilfroh darüber, die Arena bereits um 11.00 Uhr betreten zu dürfen.
Die Aufregung erträgt sich am Ort des Geschehens und vor allem unter Gleichgesinnten einfach besser.
Und es sind viele Ulmer, die bereits zu früher Stunde dem Ruf des Finales folgen.
So verkatert und müde sie auch sein mögen, die Motivation und der unbändige Wille Anteil etwas ganz Großen zu sein ist ungebrochen.

Vor lauter Aufregung und Unruhe fällt mir selbst normaler Smalltalk schwer.
Rastlos tigere ich durch die Arena, was zur Folge hat, dass ich den Anfang des Spiels um den 3. Platz nicht wirklich mitbekomme.
Erst ab der 2. Hälfte werde ich Zeuge davon, wie für den FC Bayern das Pokalwochenende zum absoluten Desaster wird.
Auch der stets „motivierte“ Hallensprecher der Bayern kann trotz aller Bemühungen nichts gegen die drohende Niederlage tun.
Die Berliner und Ulmer Supporter schlagen sich auf die Seite der Bamberger.
Ich gebe zu, dass war kein leichtes Wochenende für die Mannschaft des FC BUYern und dessen mitgereiste Fans.
Bamberg gewinnt gegen München! Ein vierter Platz, den Herr Pesic durch unpünktliches Erscheinen (kam er überhaupt noch?) zur abschließenden Pressekonferenz mehr als deutlich kommentierte.

Aber wen kümmern die Attitüden des Bayerntrainers, wenn sein geliebtes Team gleich um den Pott kämpft?
Ruhig stehen oder sitzen? Vergiss es!
Die Anspannung ist so hoch, dass mir ein paar Mal fast das Wasser in die Augen schießt.

Gedanken an das was passieren könnte, wenn das Ding tatsächlich gewonnen wird, kreisen durch meinen Kopf.
Aus Angst vor schlechtem Karma verdränge ich diese aber sofort wieder!
Anstatt dessen versuche ich mir ständig und krampfhaft einzureden, dass wir weiter gekommen sind als wir es erhofft haben und wir uns damit glücklich schätzen sollten.
Der Trick funktioniert nicht – ICH WILL DAS DING!
Die Nationalhymne erklingt und ich bin am Ende.

Nur noch Sekunden und ich kann mich nicht entscheiden, ob ich lieber noch etwas Zeit hätte oder das Spiel doch am besten schon vorüber wäre.
Beide Fanlager bekunden nochmals ihren Respekt durch ein freundschaftliches Echo, welches in dieser Form wahrscheinlich einmalig in der Geschichte des Turniers war.

Anpfiff! 4 Viertel trennen uns vom Glück und einem Wochenende für die Ewigkeit.
Wir legen wieder los als gäbe es kein Morgen.
Die Kulisse ist da und peitscht Ulm nach vorn. Aber auch Berlin liefert lautstarken Support von den Rängen.
Zu meiner Erleichterung funktioniert das Ulmer Spiel ohne Anlaufschwierigkeiten.
Per Günther explodiert förmlich auf dem Feld und die Hoffnung auf das Wunder wächst.
Erst recht, als Obradovic Jan Jagla gegen Sven Schulze einwechselt. Mein Blockkollege tippt mir auf die Schulter und sagt: „Wir sind in ihrem Kopf!“
Ich kann ihm nur beipflichten. Für den Moment scheinen die Alba Spieler wirklich beeindruckt.
Leider schaffen wir es nicht, den Druck aufrecht zu halten und die zwischenzeitlich herausgespielte Führung mit in die Pause zu nehmen.
Jagla und der „graue Wolf“ Schulze spielen Herzensbrecher und tragen maßgeblich zur Rehabilitation des Berliner Spiels bei, das bis dahin vor allem von der Qualität ihres Pointguards Hammonds profitierte.
Der Buzzerbeater von Redding zur Halbzeit war ein erster kleiner Nackenschlag für Ulm, der nachhaltig für Schmerzen sorgte.

Weiter kämpfen und glauben!
Die Führung liegt auf Berliner Seite, ist aber nur minimal.
Ein zwei unglückliche Pfiffe verunsichern uns aber derart, dass das Ulmer Spiel gehemmt wirkt.
Die Würfe wollen nicht mehr fallen, während bei Berlin ein Ringtänzer nach dem Anderen ins Netz kuschelt.
Das 3. Viertel ist und bleibt unser Problemkind.
Ich beginne zu überlegen, ob unsere Jungs nochmals die Kraft für einen letzten Energieschub aufbringen können.
Wie viel Kraft hat das Bayern Spiel gekostet?
Wird das Wunder noch wahr werden?

Leider kann sich Ulm bis zum letzten Viertel nicht in Schlagdistanz bringen.
Zu spät trägt das letzte Aufbäumen der Ulmer Früchte.
Der Tank ist nicht nur leer, er wurde ins Vakuum getrieben.
Minute um Minute vergeht und Verzweiflung paart sich mit Trauer.

Ich verfluche den Basketballgott, der uns das nötige Quäntchen Glück verweigert.
Es bleibt uns nur noch Zeuge eines weiteren Berliner Pokalsieges zu werden.
Eine Qual, die wir ertragen ohne dabei den Respekt für die Leistung des Gegners zu verlieren.

Wieder verlassen wir das Spielfeld als Vize.
Ich leide mit den Jungs, die mit gesengtem Haupt auf die Siegerehrung warten.
Als Zweiter ist das die emotionale Hinrichtung.
Auch ich ertrage den Anblick der Medaillenübergabe kaum.
Das Silber trägt sich schwer auf der Brust und als das Konfetti über dem Pokalsieger glitzernd herabregnet ersetze ich die Berliner Mannschaft vor meinem geistigen Auge durch unsere Ulmer Helden.
Die Siegesfeier auf dem Rathausplatz findet leider nur in meinem Kopf statt!

Ja, man kann und sollte Stolz sein!
Auf die Leistung die unsere Jungs erbracht haben.
Den fulminanten Aufritt den wir hingelegt haben und der Ulm aus allen Ecken des Landes Lob und Anerkennung eingebracht hat.
Auf ein Basketballfest, an das wir Ulmer noch lange denken werden.

Ich werden jedenfalls Stolz sein, wenn sich der letzte Funken Trauer endlich wie ein Alien aus meiner Brust gefressen hat und Platz für die vielen, tollen Momente macht, die ich erleben durfte.
Auf, neben und abseits der Arena.

IHR WART DER WAHNSINN! DANKE!

Comment ( 1 )

  1. ReplyManu

    Da muss ich doch glatt wieder das ein oder andere Tränchen verdrücken. Danke für die emotionale Zusammenfassung dieses tollen Wochenendes.

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