Tübingen… Ein Rückblick und Erklärungsversuch

Das Derby liegt hinter uns.
Geht es nur mir so, oder habt ihr auch das Gefühl, dass das emotionalste Spiel der ganzen Saison an Bedeutung verloren hat?

In kann mich noch gut an das Aufeinandertreffen der Hinrunde erinnern.
Wer könnte die
Spatzeninvasion in Tübingen vergessen, als wir den rosafarbenen Tigerkäfig in ein kuscheliges Spatzennest verwandelt haben.
Das war Gänsehaut pur! Als Ulmer das Wohnzimmer des Lieblingsgegners einzunehmen und selbigen Mundtot zu machen ist Zweifels ohne ein ganz besonderes Highlight.

Schon aus diesem Grund hatte ich eigentlich angenommen, dass die Tigers Fans uns am Samstag zum letzten Punktspiel der Saison in einer etwas größeren Anzahl heimsuchen. Bei einem Sieg gegen die Ulmer bestand schließlich sogar die Möglichkeit des Einzugs in die diesjährigen Playoffs.
Aber weit gefehlt!
Nur etwa 250 Anhänger aus “Reutlingen West“ fanden den Weg in unsere Arena.
Diejenigen die sich auf die Reise gemacht haben, entsprachen leider wieder zu großen Teilen dem schlechten Ruf, der ihnen vorauseilt.
Die üblichen Beleidigungen und Schlachtgesänge vor und in der Halle waren unüberhörbar!
Schade, dass sich Tübingen auf diese Art und Weise damit selbst ins Abseits manövriert. Toll, dass sich die Ulmer bei ihrer Wahl der kommunikativen Mittel nicht auf selbem Terrain bewegten. Man gewöhnt sich eben an alles.
Es ist beinahe wie mit dem nervigen kleinen Hund des Nachbars, der von der Sorte Killerdackel gestrickt ist! Am lautesten bellend, nervt er am Anfang unheimlich. Doch nach und nach ignoriert man den Wadenbeisser im guten Wissen, dass da draußen die wirklich großen Hunde auf einen warten.
Die passende Antwort auf die obligatorischen Tübinger Provokationen haben wir mit unserem Banner zu Spielbeginn geliefert.

Die spielerische Antwort auf dem Court war ganz nach meinem Geschmack.
Auch wenn die Defense, insbesondere zu Beginn der Partie, eine sehr offenherzige Raumgestaltung offenbarte.
Die Offense lief dafür geschmeidig und in Hinblick auf die Punkteausbeute beinahe das ganze Spiel über sehr konstant. Symptomatisch das gnadenlose 3er shootout von Allan Ray im 3ten Viertel. Balsam für die Ulmer Fanseele und Kreide für die Gesichter des Tübinger Fanblocks.
Und nur weil J.B. einen, nennen wir es mal “durchschnittlichen“ Tag hatte, bedeutet dies aus Tigers Sicht noch lange nicht, dass auf der Center Position deshalb kein Alarm mehr herrscht.
Omar Samhan schließt die Leistungslücke zu Big J.B. immer mehr und beweist Freude am Spiel! Er ist definitiv in Ulm und in der Mannschaft angekommen. Und wäre da auf Tübinger Seite nicht ein Vaughn Duggins gewesen, dann hätte es wohl eine ganz derbe Nummer für unsere Freunde gegeben.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, wie erschüttert ich über meine eigenen Hellseherfähigkeiten bin? Gegen Alba Berlin habe ich ein Cover mit Allan Ray gemacht – wer hat die Berliner abgeschossen? Jetzt, gegen Tübingen, erhielt Steven Esterkamp sein Cover und (*trommelwirbel*) wer lieferte die meisten Punkte?
Ich überlege gerade ernsthaft, Till Joscha Jönke auf das Cover für das erste Playoffspiel zu setzen. Mal sehen was passiert! 😉

Respekt möchte ich dem Tübinger Trainer zollen, der in der Pressekonferenz derart nette, ja beinahe zärtliche Worte für Ulm fand, dass ich Angst um ihn bekommen habe.
Darf er nach solch einem Statement überhaupt wieder nach Tübingen einreisen?

So das war der offizielle Teil meiner 2 Cents über das Derby!

Was jetzt folgt, ist sozusagen ein kleiner “Nachschlag“ den ich aufgrund des Auftretens der Tübinger Fans für euch hier abliefere. Sozusagen für alle, die am Samstag beleidigt wurden und sich dennoch nicht provozieren ließen.

Also, wenn ihr noch nicht satt seid….


Samstag Abend nach dem Derby.

Ich schreite Freude taumelnd aus der ratiopharm Arena und hinaus auf die Straße. Soeben haben die Tübinger “Pussycat Dolls“ ihren Auftritt in Ulm absolviert und dabei eine Bauchlandung erfahren müssen. Ich grinse in mich hinein, bin mir aber sicher, dass meine Freude auch deutlichst nach außen sichtbar ist.
Plötzlich stolpere ich über etwas kleines schwarzes, das auf dem Boden liegend meinen Weg kreuzt. Das zunächst undefinierbare Ding entpuppt sich als Tagebuch, welches ich öffne um mir einen Eindruck über das darin niedergeschriebene zu verschaffen.

Ich rezitiere….

Liebes Tagebuch,

heute ist der große Tag!
Wir fahren nach Ulm und zeigen den Spatzen wer im Schwabenland die Babos sind!
Meine Freunde Tom und Maik sind auch mit dabei. Obwohl bei Maik die Teilnahme an der Fanfahrt bis zuletzt auf Messers Schneide stand. Seine schulischen Leistungen sind in letzter Zeit eher mittelprächtig und sein Hauptschulabschluss ernsthaft gefährdet. Deshalb haben seine Eltern die Teilnahmeberechtigung auch nur nach sehr langer Heulerei und Bettelei unterschrieben. Er musste jedoch versprechen sich zu benehmen und keine Schimpfwörter in den Mund zu nehmen. Wenn die wüssten!
Ultracool! Tom schmuggelt sogar 3 Flaschen Karlskrone Radler zu Hause raus.

Jetzt stehen wir am Tübinger Bahnhof gemeinsam mit weiteren hundert, ach was, TAUSENDEN Tübinger Fans und warten auf den Zug der uns in das verdammte Ulm bringt.

Mittlerweile sind wir in Ulm angekommen. Das Radler hat uns ganz schön gepusht!
Der Alkohol benebelt und stärkt unser Selbstbewusstsein.
Ich möchte ein erstes Zeichen setzen, greife in meine Hosentasche und nach der darin befindlichen Folienverpackung eines TWIX, das mir Mama als Reiseproviant eingepackt hat. Ich schreie lauthals “Scheiss Ulm“ und pfeffere meinen Müll auf den Ulmer Bahnhofsboden. Leider habe ich die Rechnung nicht mit dem Ulmer Bahnhofsangestellten gemacht, der mich mit grimmigen Blick dazu auffordert, den Müll in der entsprechenden Mülltonne zu entsorgen. Ich hebe die Folie wieder auf und werfe sie in die nächste Tonne. Er guckt immer noch böse! Woher hätte ich auch wissen sollen, dass Folie nicht in den Papiercontainer gehört? Shit!
Nach einer halben Stunde Unterweisung in Wertstofftrennung dürfen wir Tübinger Fans den Bahnhof endlich in Richtung Innenstadt verlassen. (Das mit der Wertstofftrennung muss ich unbedingt meinem Lehrer erzählen!)
Wir gehen gemeinsam durch die Ulmer Bahnhofsunterführung und es wird endlich Zeit deutlich zu machen, dass die Tübinger Ultras da sind!
Wir skandieren unser “Hurra, Hurra, die Tübinger sind da…“ und natürlich “S-V-T“.
Dabei bringen wir nur noch gelegentlich die Buchstaben durcheinander.
Aber verdammt, keine Sau interessiert sich für unser Gebrüll.
Lediglich ein einzelnes Großmütterchen läuft, gestützt auf ihren Gehstock, auf uns zu. Sie baut sich vor unserer gesamten Crew auf und befiehlt uns “die Klappe zu halten“.

Zunächst lachen wir. Als sie aber beginnt, ihren Stock über ihrem Kopf kreisen zu lassen, ergreifen wir die Flucht. Die Oma jagt uns die gesamte Hirschstrasse hinauf. Erst am Münsterplatz lässt sie mit den Worten “IHR LUTSCHER“ von uns ab.
Puh, das war knapp!
Aufgrund des Vorfalles beschließen wir, uns in einer Kneipe in der Ulmer Altstadt zu verbarrikadieren und auf der Toilette zunächst die Spuren unserer Angst aus der Unterwäsche zu waschen.
Jetzt, da wir wieder unter uns Tübingern sind, beginnen wir die Schlachtrufe für den Abend zu üben! Ganz wichtig ist dabei, möglichst viele Schimpfwörter zu verwenden, die ich hier aber aus Angst vor meinen Eltern nicht festhalten werde. (Sie haben mich schon einmal dabei erwischt, wie ich in meinem Kinderzimmer im Kleiderschrank das Fluchen geübt habe. Darauf haben sie mir mit einer Familienpackung Flüssigseife den Mund ausgewaschen, weshalb ich noch heute mit Schaum vor dem Mund durch die Gegend renne.) Voller Übermut bestellten Tom, Maik und ich ein zweites Radler und heizen uns gegenseitig auf.

Wir sind an der Arena angekommen.
(Tom mussten wir leider in der Kneipe zurücklassen. Das zweite Radler war zu viel für ihn! Er sitzt jetzt auf der Herrentoilette und bastelt Freundschaftsanhänger, die er aus den Duftsteinen der Pissoirs unter Zuhilfenahme seines Schweizer Taschenmessers schnitzt.) Mann, die ratiopharm Arena ist so groß und sooooo schön!
Aber das darf ich mir jetzt bloß nicht anmerken lassen. Jetzt gilt es BÖSE und möglichst ULTRA zu wirken! Wir schreien unsere Hassparolen und sind uns sicher – HEUTE ZEIGEN WIR ES DEN ULMERN! Da bin ich fast genau so sicher, wie vor dem Hinrundenspiel…

An dieser Stelle beende ich die Lesung aus dem Tagebuch eines Tübinger Ultras.Wir wissen, wie der Abend ausging 😉

Ich wünsche uns allen richtig gute Playoffs!

Euer Marcus

Comments ( 5 )

  1. ReplyPeter Mann

    Wie immer ein Erlebnis. So bekommt man als " Auswärtsfan" Einblick in die Stimmung bei den Heimspielen. Gruß aus Kölle

  2. ReplyRainer

    Das Tagebuch ist wirklich extremst geil. :-D Klasse geschrieben, musste mehrmals schmunzeln. Diese pösen, pösen Ulmer Fans, den zeigen wirs. ^^

  3. ReplyDör Te

    Hallo Heckenschütze, lese seit geraumer Zeit Deine Kommentare und bin derart begeistert, dass ich mich gar nicht mehr einkriege. Kannst Du nicht täglich was schreiben? Hör bloss nicht auf mit dem Schreiben für uns Ulmer Fans. Herzliche Grüße

    • ReplyMarcus Heckenberger

      Dein Lob geht runter wie Öl! Es macht mir unheimlich viel Freude für solch begeisterte Leser zu schreiben! Jeden Tag zu texten gestaltet sich schwierig, denn neben dem heckenschützen ruft noch der normale Arbeitsalltag und natürlich die Familie. Aber, ich werde mich für euch reinhängen! So oft wie nur möglich ;)

  4. ReplySabi

    Oh my gosh ich kann nicht mehr, das Tagebuch haut mich vom Stuhl!!! :D Aber dieser Fan muss wirklich einer der Intellektuellsten sein, denn so viele Wörter ohne Schreibfehler hätte ich denen nicht zugetraut! Bow down to you Marcus, ganz großes Kino! ;)

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