Zerrissenheit – Eine Entschuldigung!

Schweigen ist Gold.
Mittlerweile verfüge ich über eine derart prall angefüllte Schatzkammer, dass ich es mir leisten kann, die mir selbst auferlegte Auszeit auf der „stillen Blocktreppe“ zu beenden.
Mit Freude und etwas Stolz, habe ich den Ruf meiner Leserschaft nach ein paar neuen Worten vernommen. Hierfür ein herzliches Merci!

Dennoch konnte und wollte ich mich in einem gewissen Grad nicht zu den Ergebnissen und Erfahrungen der letzten Spieltage äußern.
Dabei wäre es ein Leichtes gewesen, beispielsweise nach dem Sieg gegen die nord-österreichischen Ballträger einen euphorischen Blog zu posten, der sich im Rausch des Jubels beinahe von allein geschrieben hätte.

Es gibt wohl wenige Dinge die mich mehr zum Schreiben animieren, als ein Sieg unserer Jungs gegen den FC Bayern. Allein die Schimpf- und Tobsuchtsanfälle der grauen Eminenz der Bayern sollten genug Viagra für meine Fingerkuppen gewesen sein. Gerade in Betracht dessen, dass es wohl einer der letzten Auftritte des „Sonnenkönigs“ der BBL in unserer Halle gewesen sein sollte, hätte ich Herrn Pesic die Ehre einiger huldigender Worte zu teil werden lassen.
Ich möchte dies an dieser Stelle nachholen!
„Tschö mit ö!“
Das muss reichen.

Warum also keine Jubelstürme meinerseits?
Warum keine heroischen Zeilen für mein heißgeliebtes Team?
Warum lasse ich meiner Leser hängen?
Ein Versuch der Rechtfertigung…

Ulmer Basketball ist für mich – und ich nehme an für den Großteil meiner Leser – mehr als ein, auf das Wochenende reduziertes Sportevent.
Diese Saison lässt mich aber manchmal genau dies wünschen!
Auf das man mir das pochende Fanherz aus dem Brustkorb reißen und ich das Spiel in aller Seelenruhe als Zeitzeuge des Ulmer Basketballs verfolgen möge.
Statt dessen quäle ich mich mit einer ausgeprägten Form von gespaltener Persönlichkeit umher.

Da gibt es auf der einen Seite den Heckenschützen, der nur all zu gerne jeden Sieg inbrünstig zelebrieren möchte.
Der den sportlichen Fortschritt in der Vereins- und Teamführung zu erkennen vermag und voller Stolz in den Siegen gegen Bayern und zuletzt Berlin das eindeutige, wahre Gesicht der Ulmer Mannschaft deutet.
Wohlig wälzt sich der Heckenschütze im Schein dieser Erfolge und neigt dazu, die Saison nicht allein an der Teilnahme an den Playoffs dingfest zu machen.
Der ewige Traum vom Titel, er will nicht vorzeitig aufgegeben werden.

Mein Alter Ego ist blind vor Liebe.
Er ist gewillt den Umbruch im sozialen Gefüge des Teams als einen notwendigen Teil der professionellen Entwicklung hinzunehmen und stützt sich dabei auf Tatsachen wie etwa der vorzeitigen Weiterverpflichtung von Taylor Braun, der sicherlich nicht eine Rolle in einem Team von egozentrischen Diven spielen möchte.
Crailsheim und Bayreuth? Ausrutscher auf dem Weg nach oben!
Ganz sicher!
Keine Diskussion!
Auch nicht über die geführte Personalpolitik, über Einsatzzeiten beziehungsweise Kaderaufstellungen, von denen man am Ende des Tages – oder besser gesagt am Ende der Saison – die Erkenntnis gelangt, dass sie richtig und den Umständen entsprechend vorausschauend getroffen wurden.

Doch leider ist der Heckenschütze nicht mehr alleine.
Ein, die Dinge mitunter sehr nüchtern betrachtender Gegenspieler verschafft sich zu viel Gehör.
Ich mag ihn nicht sonderlich, akzeptiere ihn jedoch als im Hintergrund agierenden, mürrisch gelaunten Teil von mir.
Es ist der „Schwabe“ in mir, dem ich in dieser Saison zu meinem eigenen Leidwesen zu viel Akzeptanz schenke.
Ein grummeliger Geselle, der getreu dem urschwäbischen Gedanken „Ned gmault isch g´lobt gnuag!“ agiert.

Ein unangenehmer Gesprächspartner mit noch unbequemeren Fragen, deren Beantwortung mitunter schwer fällt, wenn selbige realistisch getätigt werden sollen.
Fragen, die die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit thematisieren.

Der „Schwabe“ ist stolz auf die Vision Orange Campus!
Umso mehr neigt er zu Krampfanfällen, wenn er die von Seiten Vereinsführung an die Fanbase herangetragene Forderungen nach einer gemäßigten Erwartungshaltung vernehmen muss.
Ulm setzt bundesweite Maßstäbe mit diesem Projekt. Da fällt es schwer, diesen Maßstab nicht auch unmittelbar an die Mannschaft anzulegen.

Was der „Schwabe“ entgegen und trotz allen Rufen nach Verbesserung und Fortschritt einfordert, ist der Erhalt der „Familienwerte“.
Lange hat er an der Aussprache von „la familia“ gefeilt, jedoch schon immer dessen Bedeutung geehrt.

La familia – das ist in Ulm kein auf die Fanbase reduzierter Begriff, sondern vielmehr ein in der Kuhberghalle gesetzter Grundstein einer Beziehung zwischen Court und Rang!
Eine starkes, aber filigranes Bündnis dessen geringste Störung unmittelbar spürbar ist.
So wie etwa in Tübingen, als das direkte Verschwinden großer Mannschaftsteile nach dem Derbysieg für Verwirrung sorgte.
Umso mehr „Credit“ hat an diesem Tag Per Günther gesammelt, der die Bedeutung dieses Spiels kennt und dies durch seine Präsenz vor dem mitgereisten Fanblock unterstrichen hat.
Der Schwabe in mir verteidigt die Werte der Vergangenheit mit dem Stolz der Gegenwart.
„Hometown glory“ – Adele besingt dies wohl am besten!
Ein Lied, das in seiner Theatralik dennoch genau an die für uns bedeutenden Werte anspielt!

„Shows that we ain’t gonna stand shit
Shows that we are united
Shows that we ain’t gonna take it
Shows that we ain’t gonna stand shit
Shows that we are united“
(Man muss sie nicht mögen, aber ich liebe Sie für diese Zeilen)

Entgegen dem Heckenschützen, neigt der Schwabe dazu die Personalakte „Carlon Brown“ als X-File zu deklarieren.
Agent Mulder und Scully – bitte übernehmen!
Ein unglaublich sympathischer Spieler verkommt zum edelsten Trainingspartner der Liga.
Darf man das so sagen? Der Anschein legitimiert die Äußerung!
Ist er dazu angedacht, uns in den Playoffs weiter zu helfen?
Wenn ja, wie soll er, wenn ihm die hierfür notwendige Praxis fehlt?
Out of nowhere?
Helft mir weiter, denn ich weiß nicht, wie ich damit umzugehen habe.
Licht ins Dunkel könnte hier nur ein Statement des Vereins bringen.
Leider versagen die Batterien dieser Taschenlampe bis dato.

Ich hasse den Schwaben und all seine Attitüden in mir – Hass der von Herzen kommt!
Doch ist er das Ergebnis, die Konsequenz aus der Entwicklung und der Erfolge der Vergangenheit.
Er ist ein durchaus verwöhntes, über die Verhältnisse schwebendes Individuum, den ich all zu gerne verdränge, aber niemals zum Schweigen bringen werde.

Es gibt aber einen Punkt, eine beinahe als Glaubensbekenntnis zu deklarierende Forderung an das Team, das die in mir gespaltenen Persönlichkeiten vereint.

Lebt Euch auf dem Feld wieder aus!
Lebt eure Emotionen, eure Freude und Wut aus!
Augustin! Sag mir doch bitte nicht, dass ein Dunk in das Gesichts des Gegners zum „business as usual“ verkommen ist.
Raymar du Tier! Die Freude über dein erfolgreiches Post-up Play sollte dem Ärger über Travelling überwiegen!
Wir zehren von euren Emotionen!
Sie sind der Zündstoff, der Funke der die Arena zur Hölle werden lässt!
Davon lebt die Arena und letzten Endes IHR!
Lasst – bei aller Professionalität – das Feuer nicht erlöschen!

Im Moment hat der Heckenschütze in mir die eindeutige Oberhand gewonnen!
Berlin sei Dank!
Ein Sieg der Zuversicht und des Glaubens an ein Team das UNSEREN Namen trägt!
Werden wir Meister?
Ich gehe nicht davon aus.
Vielmehr sehe und sehne ich die Ernte der Früchte für die kommende Saison voraus.
Aber ich nehme gerne jede Überraschung dankbar entgegen.

Liebe Follower des Heckenschützen!
Könnt ihr Euch vorstellen, welch emotionaler Spagat diese Saison ist?
Oder besser noch – geht es Euch ähnlich?
Die Zerrissenheit zwischen Begeisterung und Skepsis?
Dann werdet ihr verstehen, warum ich mir schwer getan habe, mich an euch zu wenden.
Umso mehr möchte ich mich für eure Treue bedanken!

DANKE!
VON HERZEN!

Euer
Heckenschütze

Geschrieben mit der Unterstützung der Foo Fighters, Biffy Clyro und London Grammar

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