Jessica Alba wär mir lieber gewesen…

Es ist und bleibt ein bittersüßes Vergnügen, ein Fan von ratiopharm Ulm zu sein.
Ein leichter Hang zum Masochismus scheint durchaus von Vorteil zu sein, um unseren Helden bei ihrem Tun auf dem Parkett als Fan zur Seite zu stehen.

Nachdem wir Bonn auswärts durch einen Buzzerbeater in der Overtime bezwingen konnten, stand uns nun der Besuch der derzeitigen Überflieger aus der Hauptstadt ins Haus.
Und was für ein Höllenritt war DAS bitte wieder?
Welche höhere Macht schreibt eigentlich die Drehbücher für unsere Spiele?
Und warum kann sich selbige nicht langsam einmal dazu durchringen, das Verhältnis zwischen Messerstichen und Trostpflastern etwas erträglicher zu gestalten?

Das Spiel gegen Berlin hatte eindeutig das Potenzial dazu, das derzeit – zumindest in der BBL – etwas orientierungslos schlingernde Boot auf Kurs zu bringen. Bis zur letzten Minute war der Coup gegen die Berliner zum greifen nah.
Beim Stand von 87:88 lag der Sieg sozusagen auf dem goldenen Tablett festlich angerichtet vor uns. Es galt nur noch zuzugreifen.

Und dann trug ein kleiner Aussetzer zum Ausgang des Spiels bei.

Will Clyburn mit dem spielentscheidenden, jedoch einen Wimpernschlag zu spät angesetzten  Pass auf Per Günther. Der Ball bahnt sich in Zeitlupe seinen Weg quer über das Feld.
Fokussiert auf den Ball und dessen Flugbahn, bemerke ich plötzlich in meinem Augenwinkel den Berliner Gegenspieler, der sich in seiner Person zwischen das Ulm und den Sieg stellt.
Lorde beginnt in meinem Kopf ihr Liedchen anzustimmen „AND WE NEVER BE ROYALS….“ und liefert meinen persönlichen Soundtrack zu diesem verhängnisvollen Passversuch, der in einem Turnover endet.

Logan – der Berliner Perfomer des Tages – ließ sich die Gelegenheit nicht nehmen und verwandelte den Ulmer Ballverlust in eine 3 Punkte Führung der Gäste. Die nunmehr restlichen Sekunden reichen nicht mehr aus, die Berliner Führung ein drittes Mal zu egalisieren.

Verdammt nochmal!
Soviel Energie und Herz investiert und dennoch verloren.
Urschwäbisch gesprochen: „Des hod mr´ garned g´falla!“
Sorry, ich muss an dieser Stelle expliziter werden: „Des hod mr´ FEI garned g´falla!“

(Übersetzung für alle Nicht-Schwaben: „Das hat mir gar nicht gefallen!“
Wobei „FEI“ ein ultimatives „Verstärkungswort“ im Schwäbischen Wortschatz darstellt, dessen Übersetzung eigentlich nicht möglich ist, aber am ehesten mit „wirklich“ in Verbindung gebracht werden kann.
Hinter vorgehaltener Hand munkelt man, dass Thomas Stoll potentielle Spieler mit dem Satz ködert:  „Ulm bietet FEI wirklich eine tolle Chance!“  – DIE DOPPELTE, ULTIMATIVE VERSTÄRKUNG DES SATZES SOLLTE ABER NUR VON PROFIS WIE IHM ANGEWENDET WERDEN!)

Das ausgerechnet unserer Leistungsbooster Will Clyburn der Unglücksrabe war, tut mir insofern umso mehr Leid, als das er einer derjenigen ist, der sich in den letzten Partien als Leistungsträger und Punktegarant ausgezeichnet hat.
Eine enorme Entwicklung hat unser Rookie gemacht, die die getrocknete Tinte unter seinem 2-Jahres Vertrag noch viel wertvoller gestaltet.
Ihm die Schuld an der Niederlage zuzuschreiben halte ich für unangebracht und zu einfach.
Vielmehr sollte sie in der defensiven Lethargie des 2. Viertels gesucht werden.
Im ersten Viertel wurde von der ersten Sekunde an mit höchster Konzentration verteidigt.
Die Zone war für die Berliner etwa so attraktiv, wie ein Gutschein über eine kostenlose Wurzelbehandlung beim Zahnarzt.
Die Ulmer Verteidigung zwang Berlin dazu, sein Glück aus der Distanz zu suchen.
Leider war Logan der Mann auf Albas Seite, der dieses Glück durch eiskalte Kaltschnäuzigkeit erzwang.
Dennoch gefielen mir diese ersten 10 Minuten, denn ein Klassenunterschied war zu diesem Zeitpunkt nicht erkennbar.

Dies gilt insbesondere auch für die emotionalen und aggressiven Ausdruckstänze, die Thorsten Leibenath und sein Pendant auf Berliner Seite vorführten.
Thorsten lieferte angesichts der teilweise fatalen Pfiffe die besten Moves in der Coaching Zone ab. Das technische Foul, welches er aufgrund seines Ausrasters nach einer fragwürdigen Entscheidung  zog, habe ich durchaus genossen!
Durfte er doch das ausleben, was auf den Rängen nahezu einheitlich gedacht wurde.
Kleine Anmerkung am Rande – Es wurde zumindest beidseitig so bescheiden gepfiffen, das die Schiedsrichterleistung nicht wirklich als spielentscheidend zu betrachten ist.
Nur hätte ich durchaus damit leben können, wenn die Berliner zumindest ein unsportliches Foul gepfiffen bekommen hätte. Ich sag nur Per, letzter Mann und keine Chance an den Ball zu kommen….

Ich komme zurück zum 2. Viertel.
Eiszeit in der Ulmer Arena. Wir müssen dabei zusehen, wie unsere dynamische Verteidigung einfriert und den Berliner Angriffen plötzlich die nötigen Freiräume offenbart um in die Zone zu ziehen.
Rebounding war urplötzlich weder defensiv, geschweige denn offensiv ein Thema.
Highlight des Abends – Trent platziert sich unter dem Korb um seinem Gegenspieler mit hängenden Armen beim Offensivrebound zuzusehen.Alle Pinguine fliegen HOCH! Nein, tun sie nicht! Aber zumindest die Flügel könnten sie heben….

Unser  Neuzugang Hummer benötigt definitiv auch noch etwas Zeit sich zu akklimatisieren. Sein Auftritt war, freundlich ausgedrückt, unglücklich.
Mit ihm möchte ich aber nicht zu hart ins Gericht gehen.
Er bringt alle Anlagen mit sich, um die Position des unter dem Korb wütenden Pitbulls einzunehmen. Das ist es zumindest, was ich sehnsüchtig herbeisehne.
Den Giftzwerg und Wühler vor dem Herrn!

Zurück zur zweiten Hälfte!

Thorsten muss in der Halbzeit wieder den Inhalt etlicher Packungen „ratiopharm cojones major“ an seine Mannen verteilt haben.
Denn entgegen mancher Erwartung kamen unsere Jungs mit breiter Brust aus der Umkleide und lieferten sich fortan wieder ein Duell auf Augenhöhe. Großen Anteil daran hatten die Ulmer „HOT AS HELL“ Theis, der auf dem Feld im roten Drehzahlbereich agierte, und „I´M SO FLY“ Clyburn welcher das Rebounding reanimierte.
Der Berliner Vorsprung begann zu schrumpfen und spätestens beim ersten Ausgleich stand die Ulmer Arena Kopf! Das ohnehin seit der ersten Sekunde fantastisch mitgehende Publikum befand sich fortan im Supportwahnsinn!
Cameron Long legte mit seinen beiden Dreiern zum wiederholten Anschluss nochmals ein paar Scheite Holz auf das unter dem Hallendach lodernde Feuer.

EIN DICKES LOB AN ALLE RÄNGE! DAS IST DIE STIMMUNG, DIE WIR IN BERTACHT DES TOP 4 TURNIERS BENÖTIGEN!

Letzten Endes aber bleiben unsere Bemühungen auf und neben dem Court unbelohnt.
Die Berliner im entscheidenden Moment nicht unbedingt stärker, aber einfach abgebrühter.
Wir verlieren eine hochkarätige Schlacht.

Das sind die Momente, in denen ich mir immer dieselbe Frage stelle.
Was wäre wenn die Mannschaft komplett wäre?
Seit 3 Jahren warte ich darauf,  das Team, das uns zu Saisonbeginn vorgestellt wird, vollzählig und vor allem gesund auf dem Spielfeld agieren zu sehen.
Das derzeit geschwächte Team spielt im Eurocup wieder eine wahnsinnige Saison.
Was wäre dann mit einem kompletten Kader erst möglich?

Aber jetzt ist keine Zeit zu jammern!
Es geht weiter. Und wer weiß, was unsere Jungs, die immer für eine Überraschung gut sind, noch so alles mit uns vor haben!

GO ULM! STILL AND ALWAYS IN LOVE WITH YOU!

P.S. Per – Das Gummibärchen aus Bonn möchte sein Ohr zurück 😉

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